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Freie Presse Zeitgeschehen/ 24.03.2010

RapSubjekt ist kein Strohfeuer


"Es soll kein Strohfeuer sein"
Am Donnerstag fällt die Entscheidung, ob Chemnitz "Stadt der Wissenschaft" wird - Unabhängig von Sieg und Niederlage kann der Wettbewerb für die Stadt identitätsstiftend sein



Der Titel "Stadt der Wissenschaft" soll Chemnitz den Weg in die Zukunft ebnen. Junge Menschen fassen schon heute in Worte, wie es sich anfühlt: das Leben in einer zwiespältigen Stadt der Moderne Chemnitz. "Wir haben längst gecheckt, dass in der Stadt, in der wir leben, noch viel mehr als Nischel steckt", spuckt die Hip-Hop-Combo RapSubjekt ins Mikro. Der Song "C-H-E-M-N-I-T-Z" ist eine musikalische Liebeserklärung an ihre Heimatstadt, an Moderne und Marx-Monument. Im Sommer hatte ein Chemnitzer Tonstudio gemeinsam mit dem Kulturbüro der Stadt dazu aufgerufen, einen Chemnitz-Song zu schreiben. Hymnen sind es nicht geworden. Doch die zehn besten Lieder, die demnächst auf CD erscheinen sollen, zeugen vom Selbstbewusstsein junger Menschen: trotziger Stolz zwischen ungeschliffenen Beats.

Viel hat die Stadt in den letzten Jahren unternommen, um ihr Image aufzupolieren. Das sächsische Manchester war lange auf der Suche nach einer Identität, die sich in Slogans pressen ließ. Den Ruß der Vergangenheit aus den Kleidern klopfen und doch die Traditionen nicht verraten: Chemnitz war "InnovationsWerk
Stadt", "Stadt mit Köpfchen", "Stadt der Moderne". Bald auch "Stadt der Wissenschaft"?

Den Titel lobt der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft seit 2005 jährlich aus. Gesucht werden Städte, die das Potenzial von Wissenschaft und Bildung für die regionale Entwicklung nutzen, die Bevölkerung und insbesondere Kinder und Jugendliche für die Forschung begeistern. In Chemnitz sind nach einem Aufruf der Stadt mehr als 100 Projektideen und Vorschläge eingegangen. Das eigens gegründete Wissenschaftsbüro im Alten Rathaus wurde zur Anlaufstelle für alle Chemnitzer, Unternehmen, Verbände, Vereine, Einrichtungen aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Kultur. Am 15. Oktober 2009 reichte die Stadt auf dieser Grundlage eine Ideenskizze beim Stifterverband ein. Eine Jury wählte Chemnitz neben Bielefeld und Mainz ins Finale.

"1 + 1 = 11. Ihr werdet Staunen!" ist der Titel der Chemnitzer Bewerbung und die Formel, die zum Erfolg führen soll. Die zwei Themenkomplexe "ReGeneration der Kräfte" und "Denken im Zentrum" bilden den Rahmen für elf Projekte zur Stadtentwicklung.

Pulsieren soll sie künftig, die Innenstadt von Chemnitz. Herzstück wird eine zentrale Universitätsbibliothek sein. Die denkmalgeschützte Aktienspinnerei an der Straße der Nationen soll zum Ort des studentischen Austauschs werden. Seit Jahren fordern Stadtplaner, Teile der Universität in die Innenstadt zu verlagern. Mit der Bewerbung um den Titel "Stadt der Wissenschaft" könnte diese Vision bald Realität werden.

Nur wenige Schritte entfernt soll das wohl ehrgeizigste Projekt in Angriff genommen werden. Am Brühl - einem bislang von Leerstand gezeichneten Stadtteil - ist ein Mehrgenerationenviertel geplant.

Jung und Alt, Tür an Tür - Chemnitz probt im Schatten des demografischen Wandels den Schulterschluss der Lebensalter. In einer Stadt, in der laut einer im Januar veröffentlichten Studie des europäischen Statistik-Amtes Eurostat bereits im Jahr 2030 jeder Dritte über 65 Jahre alt sein wird, ist es klar formuliertes Ziel, junge Menschen nicht nur in der Stadt zu halten, sondern sie auch hierher zu locken. "Wir verstehen Chemnitz auch als Modellstadt für den Umgang mit einem typisch ostdeutschen Problem", sagt Urs Luczak. Er koordiniert die Bewerbung zur "Stadt der Wissenschaft". Schon jetzt müsse sich um den Nachwuchs gekümmert werden. Obwohl selbst eine ausgeglichene Statistik der Zu- und Wegzüge nicht verhindern könne, dass die Stadt schrumpft.

Entsprechend sind es die Kleinen, für die die Faszination Wissenschaft erlebbar gemacht werden soll. Geplant ist beispielsweise ein "Haus der Kreativität". Hier sollen Kinder mit Recyclingmaterial und ungefährlichen Produktionsabfällen aus Firmen experimentieren können.

Die Teilnahme am Wettbewerb zur "Stadt der Wissenschaft 2011" ist in vielerlei Hinsicht lukrativ. 50.000 Euro brachte der Kommune allein der Einzug ins Finale ein. Die Fördersumme des Stifterverbandes für die Stadt, die den Titel letztlich holt, beträgt 250.000 Euro. Die unterlegenen Bewerber erhalten jeweils 50.000 Euro für die Umsetzung eines Projektes aus ihrer Bewerbung.

Zudem ist Nachhaltigkeit ein Wort, das nicht nur in den Bewerbungen immer wieder fällt. Seit 2005 haben insgesamt 46 Städte umfangreiche Konzepte erarbeitet, um den begehrten Titel "Stadt der Wissenschaft" zu erringen. 15 von ihnen haben sich sogar zweimal beworben. Fast schon eine Erfolgsvoraussetzung: Denn bis auf den ersten Sieger, Bremen/Bremerhaven, konnten die anderen vier Titelträger Dresden, Braunschweig, Jena und Oldenburg den Wettbewerb erst im zweiten Anlauf für sich entscheiden.

Selbst Städte, die den Titel nicht gewannen, konnten positive Effekte verzeichnen. Das stellten Wissenschaftler der Fachhochschule Osnabrück in einer Studie heraus. In vielen Städten hätten sich die Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Stadtverwaltung im Rahmen des Bewerbungsprozesses erstmals an einen Tisch gesetzt und gemeinsam Ideen und Konzepte entwickelt. Vielfach wurde den beteiligten Partnern erst durch diese Treffen klar, welche wissenschaftlichen Juwelen die Heimatstadt zu bieten hat.

Auch Chemnitz ist vorbereitet auf den Ernstfall: Sollte ein anderer Bewerber gewinnen, dann denke man über eine Wiederholung nach, sagte Barbara Ludwig im Vorfeld. Teile des Konzeptes würden auch angesichts einer Niederlage umgesetzt. "Es soll kein Strohfeuer sein", sagt Urs Luczak. "Nichts verschwindet in der Schublade", pflichtet die Oberbürgermeisterin bei.

Viel Gutes ist zu lesen auf den mehr als zwanzig Seiten der Bewerbung. Da werden leer stehende Wohnkomplexe und Industrieruinen zu "Freiräumen", Überalterung und Abwanderung zu "Herausforderungen". Und doch räumt man sie ein, die Vernachlässigung des Schöngeistigen. Das sei dem "Geist der industriellen Revolution" geschuldet. Dann aber gibt es immer wieder jene, die mit den Gespenstern der Vergangenheit nichts zu tun haben wollen.

So wie die Macher von "Stadt hinter dem Horizont", einer Literaturplattform im Internet, die sich zur Aufgabe gemacht hat, in Verse zu fassen, wie sie sich anfühlt - die Stadt der Moderne. "Einfach ist das nicht, Chemnitz ist merkwürdig vielgestaltig", sagt Frank Weißbach, Initiator des Projektes. Anfang 2009 beschlossen sechs Chemnitzer Autoren einen literarischen Blog einzurichten, auf dem eigene Texte veröffentlicht und Veranstaltungen beworben werden sollten. "Eine Reaktion auf die entmutigenden Besucherzahlen bei Literaturveranstaltungen in Chemnitz", sagt Weißbach. Nicht immer zeichnen die jungen Dichter ein farbenfrohes Bild ihrer Heimatstadt:

Im Gedicht "Sicht eines Studenten" beschreibt einer von ihnen, was er sieht, wenn er aus den Fenstern eines Seminarraumes schaut. Nicht immer ist der Blick frei in der Stadt hinterm Horizont. Die Enge - sie ist wie der Name des Projektes ein Bauchgefühl. "Hinter dem Horizont ist alles unbestimmt. Keiner weiß, was da los ist, ob da Nacht ist oder ob gerade die größte Party stattfindet. Solange man nicht hingeht, ist der Vorhang geschlossen", heißt es auf der Homepage. Frank Weißbach und seine Freunde aber sind hingegangen. Wie die Schöpfer der Chemnitz-Songs stellen sie sich den Mythen gänzlicher Abwesenheit von Jugend und Kultur entgegen. Obwohl das Wort für das Chemnitz-Gefühl manchmal "erdrückend" ist.

Auch das Eingestehen von Schwächen kann eine Stadt voranbringen. Denn Chemnitz' Stärken sind längst bekannt. Die drittgrößte Stadt Ostdeutschlands ist einer der führenden Industrie- und Technologiestandorte der Bundesrepublik. Beim Wachstum der Beschäftigtenzahlen in Forschung und Entwicklung liegt Chemnitz im deutschlandweiten Vergleich vorn. Das Dynamikranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft kürte die Stadt zum Aufsteiger des Jahres 2008. Eine der wichtigsten Zukunftsbranchen, die Mikrosystemtechnik, hat hier einen ihrer Schwerpunkte.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind in Chemnitz sechsmal mehr Patente angemeldet worden als in jeder anderen Region in Deutschland. Ob Thermoskanne, Feinwaschmittel oder Akten-Dulli. Die Chemnitzer sind erfinderisch - nur tragen sie die guten Nachrichten selten weiter. Oder selbstbewusst vor sich her.

Kann der Titel "Stadt der Wissenschaft" gleichsam Wissen schaffen? Nämlich das um die verborgene Schönheit einer postindustriellen Stadt? 1+1 = 11. Was Mathematiker die Köpfe schütteln lässt, stimmt andere zuversichtlich : "Wir wollen Unmögliches schaffen", betont Barbara Ludwig. Vielleicht geht die Rechnung auf.


Von Ulrike Nimz


Erschienen am 24.03.2010


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